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Schwere Bergtour Bärenkopf (2.083m) und Kleiner Widderstein (2.236m)

Dieses Thema im Forum "Tourenbeschreibungen" wurde erstellt von Thom, 28. Juni 2009.

  1. Thom

    Thom Mitarbeiter Registrierter Benutzer Intern

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    Ort:
    Isny im Allgäu
    Anspruchsvolle Halbtagestour auf zwei sehr einsame und stille Gipfel im Kleinwalsertal. Steilgras, teilweise wegloses Gelände und Klettereien bis III- bieten alles, was das Bergsteigerherz begehrt.

    Tour-Bewertung:

    [​IMG] Gehzeit: ca. 5 Std.
    [​IMG] Kondition
    [​IMG] ca. 1.110 Hm / ca. 8 km
    [​IMG] Schwierigkeit: III- / T5
    [​IMG] Aussicht
    [​IMG] Empfehlung

    [​IMG] Tourengänger: Thom

    Vom Großen Bruder durch das Karlstor - einem tiefen Einschnitt im gewaltigen Nordkamm des Widdersteins - getrennt, erhebt sich der recht elegante Doppelgipfel des Kleinen Widdersteins mit seinen senkrecht aufgetürmten Gesteinsplatten. Im Gegensatz zum völlig überlaufenen Großen Widderstein findet man hier die Saison über immer wieder völlig einsame Bergtage, die es an nichts fehlen lassen. Bei einem Blick ins Gipfelbuch fällt einem aber sofort auf, dass es sich bei den Einträgen darin zu fast 100 % um Wiederholungstäter handelt. Manche besuchen diesen Gipfel sogar mehrmals in einer Woche. Alle Achtung. Im Gegensatz zum Großen Widderstein ist der "Kleine" aber von keiner Seite aus einfach zu erklimmen, Gipfelaspiranten sollten zumindest den II. Schwierigkeitsgrad beherrschen, ein wenig über Orientierungsvermögen verfügen und natürlich trittsicher und schwindelfrei sein. Ebenso kann man in Verbindung mit dieser Tour auch die Überschreitung zum Großen Widderstein wagen, jedoch befindet man sich hierbei recht schnell im III.-IV. Schwierigkeitsgrad. Auch eine Überschreitung des kleinen Widderstein ist möglich (siehe Tourenbeschreibung). Da ich an diesem Tage allein unterwegs gewesen bin und kurz vor dem Felseinstieg die Sicht auf teilweise unter 15 Meter zurückging, war an eine Überschreitung nicht zu denken. Auf Grund dieser schlechten Sicht musste ich die Route aus Orientierungsgründen etwas abseits des normalen Anstieges wählen. Daher ist diese Tour auch mit III- bewertet, da es zwei längere Passagen zu klettern gilt, die mindestens in diesem Bereich liegen, eher etwas schwerer. In Verbindung mit dem Bärenkopf lässt sich so eine wunderbare Halbtagestour im hintersten Winkel des Kleinwalsertales absolvieren.

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    Am frühen Morgen bei Wahnsinnswetter der Blick tief aus dem Kleinwalsertal hinauf zum grasigen Bärenkopf. Direkt dahinter erblickt man gerade noch so den Hauptgipfel des Großen Widdersteins (2.533m) und links davon den 1,5 km langen Widderstein-Ostgrat.

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    In Baad auf dem Parkplatz angekommen mache ich mich in Richtung Bärgunttal auf, überquere zu Anfang die Breitach und setze meine Weg bequem auf breiter Forststraße hinauf zur Inneren Widdersteinalpe fort.

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    Schon hier genießt man die meiste Zeit einen beeindruckenden Blick auf das Felsmassiv des Großen Widdersteins. Nach ca. 15 Minuten ist die Widdersteinalpe erreicht. Hier sollte eigentlich kurz darauf parallel zum nächsten Bachlauf ein Steiglein hinauf zum Bärenkopf führen. Leider hatte jemand vergessen, den Rasen ordentlich zu mähen, und so waren die Trittspuren von unten praktisch nicht zu sehen.

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    Der Doppelgipfel des Kleinen Widdersteins. Noch hält das Wetter, was die Vorhersage mir versprochen hatte.

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    Nachdem mir persönlich der Aufstieg zum Bärenkopf nicht ersichtlich ist, schlage ich mich kurzer Hand zum über der Widdersteinhütte gelegenen Waldrand durch und kämpfe mich durch den dichten Tann 200-300 Hm recht steil nach oben, was bei dem feuchten Boden eine wirklich gute Trittsicherheit voraussetzt.

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    Nach dem steilen Waldstück orientiere ich mich auf einer Geländerippe aus Gras, die zunehmend steiler wird. Im oberen Bereich ist diese von Latschenkiefern überwuchert. Aber auch da kommt man durch. Und das Beste ist der Ausblick auf die messerscharfen Fels- und Grasgrate des Heiterbergs und seiner Nachbarn.

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    Und wie ich mich so durch dichte Latschenkiefern kämpfe, stehe ich urplötzlich vor einem Frauenschuh. Für mich das erste Mal, dass ich diese Orchideenart auf meinen Touren in den Allgäuer Alpen entdecke.

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    Blick über den Üntschensattel hinweg hinüber zur Hochkünzelspitze (2.397m), dem höchsten Berg des Bregenzer Waldes. Auf diesem Foto sind zum ersten Mal die schnell aufziehenden Dunstschwanden sichtbar.

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    Blick ins Bärgunttal. Nachdem ich durch eine Latschenkieferplantage gequert bin und noch ein schreckhaftes Erlebnis mit einem satten 12-Ender hatte, nehme ich nun den direkten steilen Grasanstieg hinauf zum Bärenkopf. Mit steigender Höhe werden die saftigen Wiesen immer mergeliger.

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    Gleiche Stelle wie gerade eben, nur mit Blick Richtung Bärenkopf-Gipfel. Die nächten 250 Hm sind noch einmal exzellentes Steilgrastraining für die schwierigen Klassiker im Hochsommer.

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    Tja, auch wenn man sich vielleicht ein wenig mehr schinden muss wie auf einem bequemen Wanderweg, man bekommt doch die ein oder andere Belohnung für seine Mühen. Einfach ein klasse Foto.

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    Nach gut 2 Std. erreiche ich auf meiner wohl nicht ganz alltäglichen Aufstiegsroute den Gipfel des Bärenkopfes. Bis auf ein paar Schafe bin ich hier oben komplett einsam und so mache ich erstmal eine gemütliche Brotzeit am improvisierten Gipfelkreuz, das vielmehr eine Vermessungsmarke darstellt. Einfach die Noch-Aussicht genießen und Seele baumeln lassen.

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    Neuschnee Ende Juni. Hier der Blick vom Bärenkopf-Gipfel hinüber zum Walser Gaißhorn, Liechelkopf und Elferkopf (von rechts nach links).

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    Nach meiner Rast folge ich nun dem Verbindungsgrat zum Kleinen Widderstein in nördlicher Richtung. Leichte Trittspuren weisen einem den Weg. Hier der Rückblick vom Grat in Richtung Bärenkopf. Bei etwas besseren Wetterbedingungen genießt man von hier eine herrliche Aussicht auf die umliegenden Berge. Auch botanisch kann diese Überschreitung einiges bieten.

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    Kurz vor der tief eingeschnittenen Scharte, die den Grasgrat vom Kleinen Widderstein trennt, gilt es eine nicht unerhebliche Steilstufe von gut 15 Metern zu überwinden. Diese kann auch westlich durch einen steilen Grashang umgangen werden. Allerdings hatte ich für diesen Tag schon genug Steilgras hinter mir, und so klettere ich kurzer Hand genau zwischen Fels und Grasansatz äußerst steil nach unten (II). Der Fels ist zuverlässig und griffig, allerdings finden die Füße teilweise nur schwer Halt im aufgeweichten Hang.

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    Nachdem die Steilstufe überwunden ist, geht es nun weitaus leichter über Gras hinab in die Scharte. In der Bildmitte lässt sich schon der Einstiegsriss durch die Platten erkennen. Ärgerlich ist nur die schlechte Sicht.

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    Blick aus der Scharte in Richtung Einstiegsriss. Von hier aus sieht das Ganze schon deutlich machbarer aus. Dennoch ist bei diesen Bedingungen der Aufstieg von hier ab deutlich heikler als bei trockenen Verhältnissen.

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    Blick von oben in den äußerst nassen Einstiegsriss (II). Der Fels ist zuverlässig aber recht kleingriffig. Dennoch lässt sich diese Stelle auch bei wiedrigen Bedingungen recht gut meistern.

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    Danach folge ich ein kleines Stückchen den seichten Trittspuren und entscheide mich kurz darauf auf Grund der teilweise wirklich schlechten Sicht durch eine bröslige Rinne (I) hinauf zum Nordgrat aufzusteigen. Hier der Blick zurück in die Aufstiegsrinne.

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    Auf der Schneide des Nordgrates geht es nun rasch nach oben bis zu den hier sichtbaren, senkrecht aufgestellten Platten. Der Normalweg läuft an diesen ohne nennenswerte Schwierigkeiten rechts vorbei und führt dann in eine Aufstiegsrinne (I+). Ich entscheide mich für den Einstieg ins Felscouloir direkt unterhalb der gewaltigen Platten und ziehe dann scharf nach links. Hier gibt es nur wenige Stellen unter dem 2. Schwierigkeitsgrad und im oberen Bereich wird es herrlich ausgesetzt und kleingriffig. Gutes Orientierungsvermögen und Klettererfahrung in teils brüchigem Fels bis in den unteren 3. Schwierigkeitsgrad sind hier absolute Voraussetzung.

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    Der satte Einstiegskamin in das schöne Felscouloir. Aufgrund der Kleingriffigkeit und der spärlichen Tritte ist dieser mit (III+) zu bewerten. Er kann aber etwas unterhalb nach links in eine sehr brüchige Rinne querend umgangen werden (II-). Der Aufstieg parallel zum schweren Kamin ist (II).

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    Blick hinab über das teilweise stark verwitterte Felscouloir des Nordgrates, das ich soeben durchstiegen habe. Hier treffe ich auch wieder auf den Normalweg, dem ich nun brav folge.

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    Auch auf dem Normalweg gilt es immer wieder Kletterstellen bis (II) zu überwinden, sodass einem auch hier keineswegs langweilig wird. Hier der Blick auf den Gipfelbereich des Kleinen Widdersteins. Der Normalweg verläuft unterhalb des gewaltigen Felsblockes nach rechts in die Westflanke des Kleinen Widdersteins. Hier herrscht bei mehreren Leuten am Berg äußerst hohe Steinschlaggefahr. Ein Bergsteigerhelm ist hier mit Sicherheit nicht fehl am Platz.

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    Wegquerung durch die Westflanke dirket unterm Gipfel. Hier kann man entweder dem Normalweg folgen oder auf Höhe des links der Bildmitte gelegenen Schneefleckes nach links in einen steilen Kamin einsteigen. Ich entscheide mich für den Kamin.



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    Blick hinauf in den Kamin. Der Einstieg ist noch im ersten Schwierigkeitsbereich. Allerdings gibt es auch schon hier viel brüchiges Felsmaterial, das man nur allzu leicht lostreten kann. Schon kurz nach dem Einstieg werden die Kletterpassagen schwerer (II).

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    Um einen Eindruck über die Steilheit in der Schlüsselstelle zu vermitteln, habe ich dieses Foto geschossen. Es gilt hier einen kurzen senkrechten Aufschwung zu überwinden, der einiges an Armkraft verlangt. Ebenso muss man höllisch aufpassen, keinen der unzähligen lockeren Felsen als Griff zu benützen, da ein Griffausbruch an dieser Stelle mit höchster Wahrscheinlichkeit tödlich endet.

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    Hat man den senkrechten Aufschwung überwunden, zeigt sich der Kamin deutlich gnädiger und man kann in leichter Kletterei (I+) direkt zum Gipfel aufsteigen. Sogar Petrus hat ein Erbarmen und schenkt mir ein paar Sonnenstrahlen für einen kurzen Gipfelaufenthalt.

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    Das "gewaltige" Gipfelkreuz des Kleinen Widderstein misst gerade einmal 2,50 Meter. Nach einer kurzen Vesperpause verliere ich keine Zeit und steige rasch über den Normalweg wieder nach unten.

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    Im Abstieg halte ich mich nun öfters an den Normalweg, um das kurzzeitig bessere Wetter ausnützen zu können. Hier der Blick über den kompletten Nordgrat hinab in die Scharte.

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    Hier nochmal ein Blick zurück zum Gipfel. Man kann deutlich sehen, dass auch über den Normalweg die Hände oft genug zum Einsatz kommen. Einfach herrlich.

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    Hier nochmals die Stelle, an der ich beim Aufstieg den Normalweg nach links verlassen habe. Im Abstieg habe ich Gott sei Dank bessere Sichtverhältnisse als im Aufstieg und so ist auch die Wegfindung kein Problem.

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    Beeindruckende Felsformationen begleiten einen die ganze Zeit über.

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    Dieses Foto habe ich kurz oberhalb der Einstiegsplatten aufgenommen und es zeigt in der Bildmitte den äußerst steilen Abstieg durch die Gras-Erd-Rinne zwischen den zwei Felsabbrüchen hinab zur Scharte, den ich vor dem Felseinstieg überwinden musste.

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    Im Abstieg durch die Platten wähle ich eine etwas andere Route (II). Das Bild hier zeigt recht gut die Steilheit der Platten. Gerade im Abstieg ist hier Vorsicht geboten, da nicht jeder Riss gut gangbar ist oder in die Scharte ganz hinab führt.

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    Nochmals der Blick auf die Einstiegsplatten. Im Abstieg habe ich den dunklen Riss in der Bildmitte gewählt.

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    Ein letzter Blick hinauf zum Gipfel. Man kann sogar das kleine Kreuz sehen. Von der Scharte aus steige ich direkt unter den Felsen des Kleinen Widdersteins hinab in eine altschneegefüllte Rinne, durch die es rasch nach unten geht. Aufgrund der extrem hohen Steinschlaggefahr sollte diese Variante weder ohne Helm noch bei Wanderbetrieb am Berg begangen werden.

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    Blick hinab in die Rinne und ins Bärgunttal. Am Ende des Schneefeldes quere ich nach rechts zuerst durch sehr steiles Gras und später durch eine splittrige, extrem steile Schrofenrinne. Dies ist nur für erfahrene Steilgraspiloten noch machbar und sei weniger geübten Wanderern dringenst widerraten, da ansonsten akute Absturzgefahr besteht!

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    Kurz vor Verlassen der Schneerinne ein letzter schöner Blick nach oben zur Scharte. Der Normalweg verläuft links hinter dem spärlich bewaldeten Grasgrat.

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    Nach der sehr steilen Querung durch äußerst schwieriges Gelände gelange ich auf einen alten Jägerpfad, dem ich bis zu einer schönen Jägerhütte folge.

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    Hier die eben erwähnte große Jägerhütte. Von hier aus folge ich undeutlichen Wegspuren hinab ins Bärgunttal. Die Orientierung ist nicht immer ganz leicht, da die Trittspuren teilweise für einige Meter völlig verschwinden. Zum Schluss geht es über eine weglose Kuhweide hinab auf den Fußwanderweg von heute Morgen. Bei Erreichen des breiten Wanderweges fängt es dann auch richtig zu regnen an.

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    Blick auf die Innere Widdersteinalpe. Von hieraus geht es in wenigen Minuten gemütlich in Richtung Baad zurück. Eine abenteuerliche und wirklich einmalige Tour geht zu Ende.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 8. April 2014
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