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Schwere Bergtour Köllespitze Westgrat

Dieses Thema im Forum "Tourenbeschreibungen unserer Mitglieder" wurde erstellt von Benni, 9. Januar 2014.

  1. Benni

    Benni Registrierter Benutzer

    Registriert seit:
    12. Mai 2013
    Beiträge:
    32
    Ort:
    Stuttgart
    Köllespitze Westgrat

    Sommerliche Kletterei -schwieriger und länger als erwartet- auf den höchsten Tannheimer Gipfel.

    Es ist Anfang Januar und im Allgäu liegt zu wenig Schnee für diese Jahreszeit. Wer seine Ski nicht schon am Anfang der Saison völlig ans Ende bringen will, lässt sie lieber im Keller stehen. Vor einer Woche konnte ich noch mit meinem neuen Seilpartner die Hammerspitze abfahren. Mehr schlecht als recht. Schon damals lag wenig Schnee und unser Plan war es gewesen über die Hammerspitze zur Kanzelwand zu steigen. Dort hätten wir auf der präparierten Piste, skischonend ins Tal abfahren können. Doch der Grat wartete mit schwierigen, vom Wind stark beeinflussten Verhältnissen auf uns. Wir brachen das Vorhaben nach einem zeit- und kraftraubenden Versuch ab. Der sonst leichte (I) Grat war stellenweiße überwechtet und wäre nur mit enormen Zeitaufwand zu begehen gewesen. So wurde aus einer einfachen und schnellen Abfahrt eine anstrengende Abfahrt mit sehr langer Tragepassage durch den Wald. Ziemlich frustriert, kamen wir am Auto, das wir am Bergheim Moser geparkt hatten, wieder an. Dass uns nach der Rubihorn Nordwand (IV) ein I-er so unbegehbar erscheint, haben wir nicht im geringsten erwartet und so merken wir einmal mehr, dass man beim winterlichen Bergsteigen aus einem ganz anderen Holz geschnitzt sein muss.
    Eine Woche später. Der Frühling scheint nahe. An eine Skitour ist nicht zu denken. Aber das Wetter ist schön und stabil. Eigentlich wollte ich nach der Hammerspitze eine Skitour ohne Schwierigkeiten gehen. Ein Paar einfache, schöne Schwünge im Pulver hätte ich nach letzter Tour dringend nötig gehabt. Doch die Ski kommen erstmal wieder in den Keller. Und der Klettergurt und die Seile kommen wieder raus. Also doch wieder Hand an den Fels legen.
    Nur wohin? Die Entscheidung fiel leicht. Ich war noch nie im Tannheimer Tal. Die Menschenmassen, von denen berichtet wird, jagten mir Angst ein. Überfüllte Wege, Staus auf den Graten... Das wollte ich mir nicht antun. Im Januar aber dürfte es selbst in den Tannheimern etwas ruhiger zu gehen. Der Köllespitze Westgrat (III) wird im Führer als schöne Kletterei, mit Bohrhaken an Standplätzen und an schwierigen Stellen beschrieben. Der Abstieg verläuft nordseitig durch steile Rinnen und Querungen. Wie viel Schnee dort liegt, können wir kaum abschätzen aber im Notfall könnten wir auch über den Klettersteig in der Südwand abseilen. Soweit der Plan...

    Ausganspunkt: Die Talstaion der Materialseilbahn des Gimpelhauses. 6:20Uhr.
    Für drei Euro darf man hier einen Tag lang sein Auto parken. Wir sind mal wieder voll bepackt mit Seilen, Steigeisen und Pickeln. Um auf den Weg zu kommen laufen wir quer über eine Wiese nach Norden hinauf. Zehn Zentimeter Schnee liegen hier unten. Es ist nicht besonders kalt, aber der Schnee ist leicht angefroren. Schnell erreichen wir den breiten Wanderweg und schon nach ein paar Minuten die beschilderte Abzweigung zum Gimpelhaus. Der Weg ist ab hier durchgehen steil. In unzähligen Kehren schlängelt er sich bergauf und so gewinnen wir schnell an Höhe. Es fängt langsam an zu dämmern aber im Wald sieht man nichts von den schroffen Gipfeln der Tannheimer Alpen, die ich noch nie vor Augen haben durfte. Erst wenige Meter vor dem Gimpelhaus öffnet sich der Wald und Rote Flüh und Gimpel stehen mit ihren steilen Wänden vor uns. Ich bin überwältigt. Die vielen Türme und Wände lassen mich sogar an die Dolomiten erinnern. Wie unterschiedlich die Berge sein können, obwohl nur wenige Kilometer zwischen ihnen liegen.
    Wir legen am Gimpelhaus eine kleine Pause ein. Es ist 8:00Uhr. Ein Stück Christstollen und übersüßten Pfefferminztee und schon gehts weiter. Vorbei am Bergwachtstützpunkt und kurz dahinter am Wegweiser nach rechts. Die Nesselwängler Scharte ist deutlich zu sehen, rechts dahinter die Köllespitze.

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    Ab hier ist Spurarbeit angesagt. Im flacheren Gelände liegt teilweise knietief eingeblasener Schnee. Ab und zu trägt zwar der gefrorene Deckel aber meistens sinken wir durch. Nur langsam kommen wir so weiter. Zum Glück sind im steileren Teil die begrasten Rücken fast frei geblasen. Hier ist etwas Trittsicherheit und Gefühl gefragt. Die leicht eingeschneiten Grasbüschel können zwar meistens gut genutzt werden, aber manchmal findet man unter der Schneedecke nur schwer den richtigen Belastungspunkt. Ein Wegrutschen würde hier zwar nur mit blauen Flecken enden, weitaus schlimmer wäre wohl der erneute Aufstieg, da der Rutscher erst irgendwo kurz vor der Tannheimer Hütte Enden würde. Ohne Steigeisen komme ich gerade noch so durch die Flanke und erreiche ganz oben an der Felswand den eigentlichen Weg. Mein Kollege fällt zurück und kommt wenig später mit Pickel und Steigeisen zu mir hinauf.

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    Die steile Abkürzung hat uns sogar ein wenig Zeit verschafft und so legen wir nochmal eine kleine Pause ein. Ich hab schonmal ums nächste Eck geschaut. Ich steige aber wieder zurück und lege jetzt auch besser meine Steigeisen an. Die Stöcke kommen an den Rucksack und der Pickel in die Hand.

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    Und dann erreicht uns auch endlich die Sonne. Die Aussicht ist super und mit der Sonnenbrille macht alles gleich doppelt so viel Spaß.

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    Das gehen durch den unverspurten Schnee ist relativ einfach und wir kommen schnell voran. Wir queren unterhalb der Felstürme in der Nesselwängler Scharte ganz nach rechts. Ein wunderschöner Wegabschnitt. Fünf Meter unter uns sehen wir eine rote Markierung. Sie schaut zwar nur wenige Zentimeter aus dem Schnee heraus, aber sie sagt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, von dem hier sonst nichts zu sehen ist. So erreichen wir fast schon zu schnell die eigentliche Scharte, an der ich einen Wegweißer ausgraben kann.


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    Die Scharte ist wirklich ein herrlicher Fleck und ermöglicht uns die ersten Blicke Richtung Norden ins grüne Flachland. Hier kommt richtiges Hochtourenfeeling auf.

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    Auf der anderen Seite wird das Panorama immer grandioser. Die Allgäuer Alpen kenne ich von dieser Seite fast überhaupt nicht. Es ist 9:30 Uhr und wir verstecken uns hinter einem Fels vor dem kalten Wind. Der Einstieg auf den Westgrat soll nach ein paar Metern auf dem Normalweg auf der Nordseite zu finden sein. Mein Kumpel stapft schonmal los und verschwindet hinter den Felsen. Ich ziehe meine Steigeisen aus, da ich glaube der Fels sei fast schneefrei. Nach wenigen Minuten höre ich meinen Partner von oben rufen. Er meint, den Einstieg gefunden zu haben. Ich schultere meinen Rucksack und laufe seinen Spuren hinterher. Schnell finde ich mich in einer steilen Grasflanke wieder. Ohne Steigeisen quäle ich mich nach oben. Links von uns vermuten wir den Normalweg, auch wenn die äußerst steilen Rinnen eigentlich unbegehbar erscheinen. An einer flachen Stelle ziehe ich als erstes meine Steigeisen wieder auf. Lange Blicken wir nach oben und fragen uns wo genau der Einstieg am geschicktesten sei. Hier sollen doch lauf Führer Bohrhaken stecken?!
    Es erscheint uns eine kleine Verschneidung als recht günstig und wir seilen an. An einem Felsköpfl errichte ich einen fragwürdigen Stand mit einer Schlinge. Zum Glück ist fünf Meter über uns schon das nächste optimale Felsköpfl zu sehen. Dann entdecke ich aber doch noch einen Bohrhaken. Nur schwer zu entdecken steckt er grau in grau fast neben mir. Ich steige also ein...

    Das erste Köpfl versehe ich mit einer Bandschlinge und steige rechts davon weiter hinauf. Kein Haken ist zu sehen. Links von mir ein senkrechter Riss. Rechts einfaches aber nach ein paar Metern schon ausgesetztes Gelände. Mir erscheint der Weg nach rechts einleuchtender und so steige ich weiter. Doch nach wenigen Metern stehe ich auch hier vor einer zu schwierigen Stelle. Eine ganze Weile beraten wir uns. Am Ende beschließen wir, dass mein Partner es selbst versuchen will. Ich binde um einen kleinen Felszacken eine Schlinge, hänge einen Karabiner und die Seile ein und werde dann abgelassen. Als ich meine Zwischensicherung erreiche, schaue ich mir nochmal den senkrechten Riss auf meiner Rechten (im Aufstieg auf der linken Seite) an und entdecke dann doch tatsächlich einen Bohrhaken. Wahnsinn! Zwar freuen wir uns, dass wir den Weiterweg gefunden haben. Aber wie zur Hölle soll ich da hoch kommen? Ein III-er??? Für mich doch sonst kein Problem?! Langsam merke ich, dass ich wohl heute auf mentaler Sparflamme laufe und sich immer wieder ein ungutes Gefühl im Bauch breit macht. Durch meine Abseilschlinge habe ich jetzt zwar einen ziemlichen schlechten Seilverlauf, aber bis zum Haken werde ich s schon irgendwie schaffen. Also los. Ich motiviere mich nochmal und packe kräftig an die kleinen Griffe. Die größeren Griffe sind zwar gut geschichtet und man bekommt sogar zwei Fingerglieder darauf untergebracht, dafür hängen Schneereste darin. Die kleinen Griffe sind schneefrei, hier hat aber gerade noch so das letzte Fingerglied Platz um mein ganzes Gewicht zu halten. Ich stehe einen Meter unter dem Haken und spüre kaum noch meine Finger. Für das clippen einer Exe ist mein Arm dummerweiße zu kurz. Mit den Steigeisen habe ich auch nur ziemlich unangehmen Halt. Das soll ein III-er sein? Mein letzter III-er war aber deutlich einfacher...
    Jetzt erscheint mit der Abstieg langsam als bedrohlicher als der letzte Zug zum Haken. Ich zieh mich nach oben und mit meinem Eisgerät kann ich mich in den Haken hängen. Nicht gerade sehr sportlich aber ich habe Halt gefunden. Ich bin ziemlich geschafft und hänge zwei Exen seitenverkehrt in den Bohrhaken und lasse mich ab.
    Fängt ja super an. Viel Zeit und Kraft verschwendet. Und meine mentale Stärke schwächelt langsam vor sich hin.
    Jetzt versucht es mein Kollege. Er steigt die Strecke zu meiner ersten Abseilschlinge irgendwie unbeschwerter vor, sammelt das Material ein und steht wenig später kurz unter meinen Exen. "Heiligs Blechle", lacht er von oben. Irgendwie war mir da oben nicht zum Lachen. Er packt kräftig zu und ist schnell über den Bohrhaken nach oben verschwunden. Das Seil läuft recht schnell durch meinen HMS und ich bin froh, dass anscheinend weiter oben einfacheres Gelände wartet. Das waren hoffentlich nur die Anfangsschwierigkeiten...

    Ich steige nach und fühle mich deutlich wohler mit dem Seil, das mich von oben hält. Vielleicht muss ich ja nur richtig rein kommen. Der Blick zurück erscheint mit jetzt nur halb so schlimm.

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    Und im Nachstieg packe ich auch noch den senkrechten Riss. So komme ich erleichtert oben in einfacheres Gelände.

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    Auf dem Grat angekommen öffnet sich das Panorama nach allen Seiten. Hinter uns Rote Flüh und Gimpel. Hochvogel, Zugspitze usw... In der Sonne ist es schön warm und der weitere Weg lässt Freude aufkommen. Trotzdem gehen wir nur mit Seilsicherung, da stellenweise doch noch rutschiger Schnee liegt und der Grat oft herzhaft ausgesetzt ist. Vor uns ragen jede Menge Türme und Kuppen auf, die immer wieder durch Scharten getrennt sind. Der weitere Weg ist zwar zunächst noch erkennbar, aber weiter hinten kann ich keine sinnvolle Route erkennen. Unter dem Gipfel glotzt uns eigentlich nur eine schroffe Felswand an, in der ich mir nur schwer eine absicherbare III-er Route vorstellen kann. Viel Zeit ist schon vergangen. Wir sind sehr langsam unterwegs, da wir eigentlich nirgends auf die Seile verzichten wollen. Bohrhaken gibts hier weit und breit keine mehr. Standplätze sind hier komplett selbst einzurichten. Das ist zwar meistens gut möglich, raubt uns aber noch mehr Zeit.
    Immer wieder klettern wir in die Scharten. So gewinnen wir nur langsam an Höhe. Wir wundern uns über die fehlenden Bohrhaken. Die Kletterei macht aber trotzdem Spaß.

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    Schnell ist es 13:00 Uhr und langsam frag ich mich wie weit wir noch kommen werden. Für einen Rückzug würden wir jetzt schon Stunden brauchen. Also lieber schnell weiter nach oben. Ein nächster Felsturm wird erstiegen, danach gehts wieder weit nach unten. Ich hänge beim absteigen noch eine Schlinge um ein Köpfl, welches mir später beim Standplatz am Seil entgegenrutscht. Dieses ewige Auf und Ab kostet nur Zeit und Kraft! Fast schon etwas genervt steigen wir so schnell und sicher wie möglich weiter. Fester, griffiger Fels und bröselige Abschnitte wechseln sich ab. Hin und wieder treten wir kleine Steinchen los, die geräuschlos unter uns ins Nichts fallen. Aber auch große Brocken, die einen sicheren Eindruck erwecken, sind nach einer Kontrolle als gefährliche Kanonenkugeln enttarnt und werden vorsichtig liegen gelassen. Selbst an einem ein Meter großen Felsköpfen sollte man mit aller Kraft rütteln, um festzustellen ob sie -als Sicherung genutzt- einem Sturtz wirklich standhalten könnten.
    Die meisten Seillängen klettert mein Kumpel vor. Ich fühle mich irgendwie momentan nicht in der Lage dazu. Mir fehlt die Sicherheit. Ich bin froh über meinen Vorsteiger, obwohl wir so noch mehr Zeit vertrödeln. Wir sind zwar durchgehend in Bewegung und wir machen kaum Pausen, aber ich fühle schon, dass wir einfach nicht vom Fleck kommen. Das klettern mit Steigeisen kostet uns Zeit. Zwar habe ich zwischendurch auch einige Meter ohne Eisen an den Stiefeln geklettert, im Großen und Ganzen ist aber die Sicherheit der Metallzacken sehr hilfreich.

    Mutterseelenallein stehen wir auf dem Grat. Wir haben vor Stunden im Bereich der Tannheimer Hütte und des Gimpelhauses neue Spuren entdecken können. Wohin die wohl führen? Zum Klettersteig in der Südwand? Auf jeden Fall beruhigt es uns ein klein wenig. Ich fühle mich schon lange insgesamt sehr gestresst und mache mir immer mehr Sorgen über den Abstieg. Mein Kollege ist zwar noch motiviert und glaubt, wir hätten den Gipfel in ein paar Seillängen erreicht, aber ich bleibe skeptisch. Wir steigen ein weiteres Mal in eine tiefe Scharte, die wir unten nur über einen großen Klemmblock überwinden können. Hier hat mein Vorsteiger einen Haken geschlagen. Die Seilführung wäre in dieser Schlucht sonst kaum vertretbar gewesen. Laut Topo hätte ich hier eigentlich einen vorhandenen Haken vermutet, aber es ist weit und breit keiner zu finden. Wieder einmal steigen wir aus der Scharte auf den Grat und von dort auf einen bröseligen Kopf.

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    Neben uns stürzen die Wände senkrecht in die Täler hinunter. Wir sehen hin und wieder das Gipfelkreuz. Es erscheint mir ziemlich nahe, aber wenn ich abschätze wie viele Seillängen wir noch bis dahin brauchen wird mir mulmig. Mit einem Abstieg in der Nacht habe ich mich schon abgefunden, aber was, wenn wir nicht einmal bei Tageslicht an den Gipfel kommen? Vor uns türmt sich der Gipfel senkrecht auf. Auf den ersten Blick lässt sich aus der Ferne immernoch kein logischer Weg finden. Wie soll das erst in der Dunkelheit werden? Wir haben zwar Stirnlampen und kleine Notbivaksäcke, aber...

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    Langsam mach ich mir wirklich Sorgen. Über einen nächsten Kopf klettern wir mal wieder etwas hinab und dort finde ich tatsächlich den Ringhaken aus dem Topo. Nur doof, dass darüber eine zehn Meter hohe Wand wartet. Ich mache Stand an einem großen, breiten Kopf. Mein Partner steigt nach und kommt bei mir an. Wir bilden uns ein Stimmen gehört zu haben. Woher, ist uns aber unklar. Man kann nur stellenweiße in die Südwand blicken. Dort ist nichts zu sehen. Links in der Nordseite entdecke ich dann eine Spur. Das muss der Normalweg sein! Ich erkenne eine extrem steile Querung, die mir von Berichten über den Normalweg bekannt vorkommt. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Sollten alle Stricke reißen, könnten wir uns hier auf den Weg abseilen. Die Sonne steht schon tief und die Gipfel werfen lange Schatten. Plötzlich steht in der Nordflanke, nur wenige Meter unter mir ein junger Mann. Er ist alleine. Hat zwar einen Pickel und Steigeisen, aber zum Beispiel keinen Helm. Und er ist alleine.
    Wir sagen ihm, dass er sich wohl von unseren Stimmen dazu verleiten lassen hat, direkt auf den Grat zu steigen und dass er vom Normalweg abgekommen ist. Ein Blick auf den weiteren Westgrat, lässt ihn auch schnell wieder runter auf den Normalweg schauen. Selbst den Normalweg würde ich mir bei solchen Verhältnissen nicht alleine zutrauen und so stempel ich den Sologänger als Kamikazebergsteiger ab. Für den Abstieg geben wir ihm unsere Seile zur Hilfe und so kommt er wenig später wohlbehalten wieder auf seine Spur. Wir holen unsere Seile wieder ein, knoten uns fest und dann nehmen wir die Wand in Angriff. Ich stehe schon seit einer Ewigkeit am selben Fleck und mir wird immer kälter. Langsam gebe ich Seil aus und mein Partner schiebt sich die Wand hinauf. Selbst in der Scharte stehe ich sehr ausgesetzt. Aber mit Steigeisen in diesem Wändchen wäre mir jetzt langsam wirklich zu viel. Nach Süden bricht die Wand gerade hinab und auch die Nordflanke sieht im Dunklen immer düsterer aus. Die Schatten werden immer länger, die Sonne steht bereits direkt über dem Hochvogel und wirft ihr Licht flach über die Gipfel. Die Täler liegen im Schatten und die Gipfel färben sich orange. Meine Beine zittern und ich bekomme das dringende Bedürfnis von diesem Berg runter zu kommen. Mein Kumpel legt eine Schlinge, wenig später einen Friend und kurz darauf noch eine Schlinge. Es dauert lange bis er sich irgendwie die Wand herauf gekämpft hat. Auch er scheint langsam seine Trittsicherheit zu verlieren. Der Mut verlässt uns langsam. Ich rufe ihm zu. Aber er meint, dass die Wand sicher die schwierigste Stelle gewesen sei. Meine vorherigen Einblicke auf die Gipfelpassagen lassen mir aber eher ein anderes Bild im Kopf entstehen. Im Führer steht zwar auch eine zehn Meter hohe Wand als Schlüsselstelle, aber solange ich die weiteren Schwierigkeiten nicht abschätzen kann, halte ich hier einen Abbruch für das Sinnvollste. Der Sologänger berichtete von schlechten Schneeverhältnissen in der Nordflanke. Haltloser Pulver auf steilen Platten.
    So schnell will mein Partner aber nicht aufgeben. Er will noch ein wenig weiter schauen, weit könnten wir ja nicht mehr vom Gipfel entfernt sein.
    Weit sicher nicht, aber trotzdem noch lange nicht oben. Wir stehen seit geschlagenen sechs (!) Stunden auf dem Grat. Wir haben mit maximal drei gerechnet. Es fällt ein Stein in einer Rinne herunter und der Lärm hallt durch die Wände. Ich erschrecke fürchterlich. Nicht aus Angst getroffen zu werden. Irgendwie habe ich mehr den Einzelgänger erwartet, wie er an uns vorbei stürzt. Ein Zeichen dafür dass ich jetzt eigentlich mental völlig ausgelaugt und müde bin. Viel zu lange schon mach ich mir Sorgen.
    Wenig später gibt sich auch mein Kumpel geschlagen. In einer aufwendigen Aktion richtet er sich einen Abseilpunkt ein und hinterlässt dabei eine Schlinge einen Haken und zwei Karabiner. Ich bin froh, dass wir nun unseren Rückweg antreten. Der Gipfel juckt mich schon lange nichtmehr. Was ich will ist gesund von diesem Berg runter kommen. Und zwar noch heute.
    Das Seil lässt sich zum Glück problemlos abziehen. Ich bin mittlerweile völlig durchgefroren. Die Sonne wird seit einiger Zeit von einem der Felszacken verdeckt und der leichte Wind kühlt mich schnell aus. Dann steigen unter uns zwei Bergsteiger den Normalweg ab. Sie müssen über den Klettersteig gegangen sein. Die Stimmen die wir gehört haben! An einem Halbseil lasse ich mich schonmal runter und komme so auf den Normalweg. Während ich etwas esse und trinke knotet mein Partner die Seile zusammen und kommt mir nach. Auch hier haben wir eine Schlinge und einen HMS zurück lassen müssen.
    Was wäre gewesen, wenn wir die Spur nicht entdeckt hätten? Wenn nicht die anderen Bergsteiger den Normalweg begangen hätten? Der Weg wäre von oben absolut unsichtbar unter der Schneedecke versteckt gewesen. Eine Nacht im Bivaksack? Auf einer, dem Wind voll ausgesetzten Gratschschneide? Bei einer glasklaren Januarnacht?
    Ich bin froh.
    Ich nehme die Seile auf, versuche zu telefonieren (leider kein Empfang) und steige dann schnell ab. Was uns wohl noch erwartet? Es wird bald dunkel.

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    Wir fragen uns, ob der Sologänger noch über uns ist. Es wäre kein gutes Gefühl so spät allein hier oben zu sein. Ich steige durch den steilen Pulverschnee ab. Der Pickel findet in dem lockeren, knietiefen Schnee keinen Halt und die Steigeisen kratzen unter der Decke auf den Platten herum, auf der Suche nach Absätzen und Rissen. Über eine fast schneefreie Rippe gelange ich in die nächste schneegefüllte Rinne. Von oben schaut sie grauslig aus. Wäre hier keine Spur drin, würde ich da nicht runter wollen. Ein Seil lässt sich hier nirgends sicher anbringen. Ich müsste zu lange im Schnee nach einer passenden Stelle wühlen. Aber die Klettersteiggeher haben s auch ohne Seil geschafft, also nichts wie runter. Rückwärts klettere ich ab. Den Abgrund im Rücken, kann ich mich so, mit fast schwimmähnlichen Bewegungen langsam durch den Tiefschnee wühlen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, ich würde bei einem Kontrollverlust schon irgendwo im Schnee stecken bleiben. Obwohl das Schneefeld unter uns immer steiler wird, bis es sich völlig unserem Blick entzieht und wahrscheinlich irgendwo in einer Felswand endet. Also Augen zu und durch. Ich komme schnell voran. Mein Partner bleibt zurück. Über ihm taucht dann doch noch der Sologänger auf. Ich habe bereits die steile Querung am unteren Ende der Rinne überwunden die nochmal Mut gekostet hat. Unter mir sieht die Spur langsam flacher aus und ich fühle mich besser.

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    Ich warte bis die beiden bei mir ankommen. Der weitere Abstieg ist problemlos. Schnell kommen wir wieder am Einstieg vorbei. Fragen uns wie wir nur so unglaublich lange für dieses kurze Stück gebraucht haben können und fühlen uns irgendwie verarscht. Aber ich bin heilfroh so schnell wieder in der Nesselwängler Scharte angekommen zu sein. Zeit die Stirnlampe raus zu holen.

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    Über den jetzt gut gespurten Aufstiegsweg kommen wir schnell runter zum Gimpelhaus und erreichen schon um kurz vor sieben das Auto.

    Die Tour ist für mich ein herrliches Beispiel dafür, wie sehr man sich verschätzen kann. Oder sich selbst überschätzen kann. Nicht im Geringsten haben wir mit solchen Problemen gerechnet. Mit viel Glück sind wir so noch einmal ohne wirklich große Probleme vom Berg gekommen. Fast hätten wir es zu weit getrieben. Hätten wir die Spuren auf dem Normalweg nicht gesehen, wären keine anderen Bergsteiger da gewesen, hätten wir uns, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, auf eine saukalte Nacht einstellen können. Ich glaube nicht den Mut und die Geduld gehabt zu haben, in diesem Gelände den Weg zu suchen. Nachts! Zum Glück waren wir (wie immer) völlig überausgerüstet und hatten genug Material für einen sicheren Rückzug parat. Was alles genau schief gelaufen ist, wird mir nur zu einem kleinen Teil langsam klar. Aber dass wir so fatal auf die Schnauze fallen konnten, bleibt mir hoffentlich kein Rätsel!

    Also bitte immer schön vorsichtig und defensiv an die Berge rangehen! :smile:
     
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